Manchmal gehen die Besten viel zu früh. Gestern starb der Gitarrist José Luis Rodríguez, José Luis de la Paz, mit nur 57 Jahren. Er war ein besonders liebenswürdiger, großzügiger und intelligenter Musiker. Vor vielen Jahren sprach ich mit ihm für die ANDA und vieles von dem, was er damals sagte, ist heute noch gültig.
José Luis Rodriguez oder warum man Kunst nicht kaufen kann
José Luis Rodriguez ist für viele Aficionados einer der wichtigsten Gitarristen unserer Zeit und doch ist er bei weitem nicht so bekannt wie manche andere. Der Grund dafür liegt unter anderem in der Flamencoindustrie oder besser gesagt der umstrittenen Politik der Veranstalter, die mehr und mehr die gleichen Namen von Festival zu Festival schicken, weil sie volle Kassen versprechen.
In Verbindung mit der herrschenden Finanzkrise „La crisis“ eine gefährliche Mischung, die einen Exodus vieler Künstler bedeuten könnte, weil die Situation in Spanien immer prekärer wird. José Luis Rodriguez ist auf dem Sprung nach Miami, wo er den Herbst verbringen wird um Konzerte zu geben und die Aufnahme seiner neuen CD „Alfonsina, la mujer del mar“ vorzubereiten.
Als einer der bedeutendsten Komponisten der jungen Generation schuf er unter anderem die Musik zu „A Contratiempo“ von Manolo Marín, „Yerma“ für das Ballett von Cristina Hoyos, „Dibujos“ von Belén Maya und zuletzt für „Al toque“ von Juan Carlos Lérida, das im August in Wien aufgeführt wurde. Als Konzertgitarrist beim Festival in Jerez heftig bejubelt ist sein Programm „De mis manos“ nun endlich auf CD erschienen.
Wie fühlst du dich bei „Al toque“, da geht es ja auch um dich als Gitarrist?
JCR: Das berührt mich emotional sehr stark, es ist, als ob ich nackt wäre, es zeigt so viel von mir als Gitarrist, von meiner Beziehung zu meinem Lehrer und Meister Mario Escudero, die Angst des Gitarristen vor dem Publikum in den Momenten wo es dir viel lieber wäre dass niemand dich sieht und doch kannst du dich nicht verstecken. Was ich an diesem Stück auch sehr mag ist, dass es das Alltägliche in unserem Leben zeigt, das langweilige, wie wir unsere Nägel feilen, die Gitarre stimmen oder eine Saite wechseln.
Mario Escudero war dein Meister…
JCR: Ich habe ihn 1984 beim Festival in Córdoba kennengelernt. Er war gerade aus den Vereinigten Staaten zurückgekommen und meine Freunde sagten „Bei dem musst du Unterricht nehmen, wenn du kannst…“
Was hast du von ihm gelernt?
JCR: Es war einfach unglaublich. So als ob ich die Universität besuchen würde. Er war die lebende Flamencogeschichte. Er wusste einfach alles. Was das Musikalische angeht habe ich alles von ihm: wie man ein Thema entwickelt, wie man ein Solo vorbereitet, wie man alte Techniken in modernen verwenden kann und viele andere Dinge, die mir in meinem Leben als Komponist sehr geholfen haben.
Was schätzt man an dir als Komponist?
JCR: Ich glaube, dass eine meiner Qualitäten ist, dass ich eine Vision des ganzen habe wenn ich für Tänzer komponiere. Meine Musik schmiegt sich sozusagen an den Tanz an, das was gehört wird und das was man sieht muss ganz nahe sein. Außerdem mache ich gerne Musik zu Texten oder Gedichten so wie bei „Tierra adentro“ oder „Yerma“ für Cristina Hoyos.
Was war dein wichtigster Moment in deinem Leben als Komponist?
Sicher die Arbeit mit Belén Maya. Das war wie ein Blitzschlag, ein Moment des Erkennens. Seit damals ist mir etwas klargeworden: wenn ich etwas erzählen will ist es wichtig, das wesentliche zu erkennen und es so einfach und klar als möglich darzustellen. Ob es technisch schwierig ist oder nicht, ob es flamenco klingt oder jazzig, ob es dem gängigen Schönheitsbegriff entspricht oder nicht, all das ist mir nicht mehr wichtig.
Wir Flamencogitarristen neigen zum Etikettieren, wir unterwerfen uns Äußerlichkeiten, wir tragen viel zu viel Gewicht auf den Schultern, das wir abwerfen müssen. Es gibt einen Moment, in dem man sich sagen muss: Jetzt sind alle Noten da, die notwendig sind und das, was ich erzählen will kann ich sagen: Ob es jetzt schön klingt oder nicht, es technisch mehr oder weniger anspruchsvoll ist, eher alt oder modern erscheint ist nicht mehr wichtig. Was zählt ist nur der Inhalt.
Da gibt es übrigens ein sehr gutes Buch von Kandinsky „De la espiritualidad en el arte“ wo es auch darum geht, dass die Kunst einer inneren Notwendigkeit entspringen sollte und sich von bestimmten Strukturen befreien muss um Bedeutung zu erlangen.
Du hast viele Preise bekommen, wie wichtig sind sie für dich?
JCR: Natürlich freue ich mich darüber, aber dass du einen Preis bekommst bedeutet ja nicht, dass du am nächsten Tag besser spielst, wichtig ist dass du wächst, als Person und als Gitarrist und das ist ein kontinuierlicher Prozess.
Als Gitarrist musst du deine eigene Wahrheit suchen um so weit als möglich authentisch zu sein. Wir betrügen uns selbst um uns zu schützen: Wenn gerade Bossa Nova angesagt ist dann flechten wir eben ein paar Akkorde ein auch wenn es nicht passt nur um zu gefallen. Die größten Künstler der Geschichte waren am besten, wenn sie nicht gefallen wollten und ihnen das Publikum egal war. Mein Ziel ist es als Künstler zu wachsen und meine Kunst anzubieten. Der sie empfangen will wird sie auch bekommen und wem sie nicht gefällt bei dem wird sie auch nicht ankommen.
Ich kann die Leute ja nicht zwingen meine Musik zu mögen. Ich verkaufe doch kein Coca Cola oder Tomatensaft. In der Kunst darf man sich nicht verkaufen, wir sind doch kein Produkt!
Aber wenn du von deiner Kunst leben willst?
JCR: Ich glaube nicht, dass der Künstler diesen Kompromiss eingehen muss. Das kommt dann von selbst. Ich glaube nicht daran, dass der, der die meisten Verträge hat der beste ist, oder der bedeutendste oder der am meisten respektierte.
Es ist schwierig, auch für mich und aus genau dem gleichen Grund sitze ich manchmal zu Hause obwohl ich auf der Bühne stehen sollte, aber so ist eben das Leben eines Künstlers.
Ich höre da ein gewisses Unbehagen …
JCR: Was mir Angst macht ist diese politisch soziale Tendenz alles zu verkaufen, so wie wir auch unsere Strände verkaufen. Es wird ein Paket geschnürt und da ist auch der Flamenco drin. Wenn man aber nur noch die Leute zählt, die eine Vorstellung besuchen, ist die künstlerische Qualität in Gefahr. Dann ist der Weg nicht mehr weit zu einer Art Las Vegas des Flamenco oder dem Broadway auf dem wir Spektakel verkaufen.
Gibt’s auch eine Lösung?
JCR: Wir leben in einer Zeit des Übergangs. Viele Dinge, auch unsere Art zu Denken werden sich ändern müssen. Unsere alten Leitbilder sind nicht mehr gültig. Wir müssen neue suchen.
Wie ich schon vorher sagte: Wir verkaufen uns wie Coladosen, aber wir sind keine Verkäufer, wir arbeiten mit Gefühlen und wenn wir unsere Kunst nicht mit dem notwendigen Respekt behandeln, verwandeln wir uns in ein Produkt und verlieren die künstlerische Qualität.
Wenn ich daran denke, dass der Regisseur von Avatar schon vor 30 Jahren das Drehbuch für seinen Film fertig hatte, sehe ich nicht ein warum wir jedes Jahr ein neues Spektakel auf die Bühne bringen sollen nur weil der Markt es verlangt. Eine künstlerische Idee muss reifen bevor sie umgesetzt wird und das braucht eben Zeit.
Dein Projekt über das Leben und Sterben der argentinischen Dichterin Alfonsina Storni wirst du in Miami realisieren.
JCR: Ja, ich werde für einige Zeit weggehen und andere werden mir folgen. Grund dafür ist die sogenannte Expansionspolitik des Flamenco in unserem Land, die das Geld an einige wenige verteilt und alle anderen links liegen lässt. Aber wie gesagt. Ich glaube daran, dass sich das ändern wird.
Foto: Archiv
Interview: Susanne Zellinger